Geschichte der St. Joseph-Gemeinde im Stadtteil Vahrenwald/List
Die St.-Joseph-Kirche wurde 1912 im Stadtteil Hannover-List direkt an der Grenze zu Hannover-Vahrenwald erbaut.
Das Dorf List wurde 1304 erstmals urkundlich erwähnt, als Herzog Otto der Strenge zu Braunschweig und Lüneburg 12 Morgen Ackerland einem Stift schenkte. Der heutige Stadtteil List war ein bereits im Mittelalter bestehendes Bauerndorf. Seine anfänglich vier Gehöfte lagen nahe dem damals noch unbedeutenden Hannover. Später entstand die Siedlung List als Haufendorf im Viereck zwischen der heutigen Höfe-, Wöhler-, Wald- und Liebigstraße. Der Ortsname List beruht vermutlich auf seiner Lage nahe dem heutigen hannoverschen Stadtwald Eilenriede. Früher stand im norddeutschen Raum der Begriff List für einen Ort am Waldrand.
Da die Bodengüte nicht hoch war, herrschten im Dorf List eher ärmliche Verhältnisse vor. Einzelne frühere Bauernhäuser sind noch heute vorhanden. Ende des 19. Jahrhunderts rückte die Großstadt Hannover mit ihrer Wohnbebauung und neuen Fabriken immer näher an das Dorf. Begonnen hatte die städtische Besiedlung mit dem Bau der Kasernen um den Welfenplatz um 1860. An bedeutenden Unternehmen siedelten sich die Chemische Fabrik de Haën, die Keksfabrik Bahlsen, die Werkzeugmaschinenfabrik Wohlenberg und die Pelikan-Schreibgerätewerke an. Das dörfliche Leben ging damit zu Ende.
Die Eingemeindung nach Hannover erfolgte 1891. Zu dieser Zeit setzte der Wohnbau in großem Stil ein. In Abhängigkeit zur damaligen hannoverschen Städtebauförderung, die besonders Stuck und Ornamente mit günstigen Krediten und Zuschüssen förderte, entstanden vier bis fünfgeschossige Bauten und Villen mit prunkvollen Fassaden im wilhelminischen Stil.
Als selbständige Gemeinde war Vahrenwald ebenfalls 1891 nach Hannover
eingemeindet worden. Die kleine Bauernsiedlung lag nordwestlich vor dem
Steintor der Altstadt. Während des Mittelalters wurde hier auf die
Anlage einer Landwehr verzichtet, da die Siedlungen Vahrenwald und
Hainholz ausreichend Schutz vor kriegerischen Einfällen boten.
Innerhalb des Archidiakonates Pattensen lag Vahrenwald auf dem
Grenzgebiet zum Bistum Hildesheim. Ein mittelalterlicher Kirchbau wird
für die Siedlung nicht nachgewiesen. Sie war vermutlich Filiale der
benachbarten Pfarrei St. Maria in Hainholz. Ihre politische
Zugehörigkeit wurde mit dem Calenberger Amt Langenhagen festgelegt. Der
Altstadt gegenüber waren die Vahrenwalder Bauern abgabepflichtig, so
daß sie seit 1508 den amtierenden Bürgermeister Hannovers
wirtschaftlich mit unterhalten mussten. Nach 1653 weigerten sie sich
jedoch immer häufiger, diese Abgaben zu entrichten. Das Mittelalter
hindurch waren die Landwirtschaft und die Schafzucht Lebensgrundlage der
Bauern. Im 18. Jahrhundert wurde mit dem Handel von Reit- und
Kutschpferden begonnen. Besonders nach Süddeutschland verkaufte man die
Vahrenwalder Nutztiere.
Nach
der Regierungsübernahme durch Elisabeth II. von Calenberg (1540–1546)
wurde im Archidiakonat Pattensen 1542/1543 die Reformation eingeführt;
die Bauern wurden evangelische Untertanen.
Seit dem Ausbau der ehemaligen
Steintorgartengemeinden und ihrem Anschluss an die Vorstadt sowie der
Anlage der Ernst-August-Stadt wuchs die Altstadt Hannovers seit 1852
auf Vahrenwald zu. Der Bereich zwischen Dorf und Stadt wurde
aufgesiedelt. Industrie und Gewerbe ließen sich nieder, und Vahrenwald
verlor seinen ländlichen Charakter. So wurde z. B. die 1643 angelegte
Celler Straße, die noch um 1860 eine zwischen Gräben verlaufende,
baumbepflanzte Landstraße war, durch die Anlage des Welfenplatzes und
der diesen Platz umschließenden Kasernen wesentlich ausgebaut.
Seit
1700 war Hannover mit einigen Unterbrechungen bis 1945 Garnisonsstadt.
Der gesamte Bereich zwischen Dragoner- und Husarenstraße war bis 1947
Militärgelände. 1875/76 wurde hier das Preußische
Militär-Reit-Institut, die Offizierschule des Heeres, eingerichtet.
Nach dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) brachte man in den Gebäuden
der Offizierschule die Kavallerieschule unter. 1939 wurde sie in die
Heeres-Reit- und Fahrschule umgewandelt und von Vahrenwald nach Berlin
verlegt. Der Welfenplatz war Mitte des 19. Jahrhunderts für die
hannoversche Armee als Exerzierplatz angelegt worden; ihn umschlossen
Kasernen für die Kavallerie. Mit dem Militär hatte die Entwicklung
Vahrenwalds begonnen; Wäschereien, Gastwirtschaften und
Militäreffektengeschäfte für Uniformen siedelten sich an. Östlich der
Vahrenwalder- bis zur Isernhagener Straße entstanden während der
Gründerzeit Wohnhäuser, die charakteristisch für den Mietwohnungsbau
der Kaiserzeit sind. Besonders Beamte der Militärverwaltung wohnten
hier.
Neben dem Militär trug die "Continental-Caoutchouc und
Gutta-Percha-Compagnie" zur Entwicklung Vahrenwalds bei. Die
Gummifabrik "Conti" war 1871 an der Vahrenwalder Straße gegründet
worden, wo sie ihr Stammwerk errichtete. Zunächst stellte man hier
Weichgummiwaren her. Bereits um 1900 begann "Conti" mit der Herstellung
von Luftreifen für Fahrräder und Automobile. Mit der aufkommenden
Motorisierung wurde später der Continentalreifen zum Weltmarktartikel.
Als führendes Unternehmen der deutschen Gummi-Industrie ließ die Conti
1912–1914 ein repräsentatives Verwaltungsgebäude in Vahrenwald erbauen.
Im Ersten Weltkrieg hatte die Firma für die Deutsche Wehrmacht
produziert. In den 20er Jahren baute das Unternehmen seine
marktbeherrschende Position weiter aus, wie z. B. durch die Übernahme
der kleinen Gummiwerke Excelsior AG in Limmer. Mit den
Continental-Werken waren in Vahrenwald zahlreiche Arbeiterwohnhäuser
entstanden. Die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zwang zum Bau
dieser Kleinstwohnungen mit ca. 50 qm, wo die Arbeiter der Gummifabrik
untergebracht waren.
Gesellschaftlich prägten den Stadtteil
Soldaten und Arbeiter, letztere auch heute noch. Der wirtschaftlichen
Entwicklung war 1891 die Eingemeindung von Vahrenwald nach Hannover
gefolgt.
Im Pfarrsprengel von St. Marien, der den Norden Hannovers,
List, Buchholz und Herrenhausen umschloß, hatten sich infolge der
Industrialisierung in den Arbeiterwohngebieten zahlreiche Katholiken
niedergelassen. Katholische Arbeiter aus dem Eichsfeld beschäftigte man
beim Mittellandkanalbau. Seit 1906 trieben sie eine Kanaltrasse durch
die Feldmark der Siedlungen Vahrenwald, List und Buchholz. Die
Ausdehnung des Pfarrsprengels und die steigenden Katholikenzahl machten
eine geregelte Seelsorge kaum noch möglich. Deshalb war im Norden
Hannovers – an der Isernhagener Straße – 1909 ein Grundstück erworben
worden, das zunächst für einen Kirchbau ungeeignet erschien, weil eine
Kiesgrube mit Schutt aufgefüllt und eingeebnet werden musste. Unter
schwierigen bautechnischen Bedingungen entstand hier 1911–1912 die
St.-Joseph-Kirche als letzter kath. Kirchbau in Hannover vor dem
Ersten Weltkrieg. Von der St.-Joseph-Kuratie wurden damals 4000
Katholiken betreut. Ab 1912 hielt man zusätzlich an Sonntagen
Gottesdienst in St. Joseph für Soldaten. Während die östlich vom
Welfenplatz liegenden Straßenzüge zu St. Joseph gehörten, wurden die
Straßenzüge in westlicher Richtung weiterhin von der Mutterpfarrei St.
Maria betreut. 1913 erhob Bischof Adolf Bertram (1906–1914) St. Joseph
zur Pfarrei. Der Pfarrsprengel ging über die Stadtgemeinden hinaus und
erstreckte sich auf Langenhagen, Bothfeld, Buchholz und Mellendorf.
Später entstanden hier die Kirchengemeinden Hannover-List St. Bruder
Konrad, Hannover-Bothfeld Hl. Geist, Hannover-Vahrenheide St.
Franziskus, Isernhagen-Altwarmbüchen Hl. Kreuz, Langenhagen Mariä
Himmelfahrt, Langenhagen Zwölf Apostel und Wedemark St. Maria Immaculata.
Noch
vor dem Ersten Weltkrieg hatten sich in der Pfarrei kath.
Vereinigungen, wie der Männer-, Jünglings-, Volks- und Borromäusverein
sowie das Bonifatiuswerk gebildet. Als im Seelsorgebezirk von St.
Joseph die Katholikenzahlen weiterhin stiegen, wurden Gottesdienste in
Langenhagen (am Pferdemarkt 24) angeboten. Die Gottesdienststation ging
hier auf belgische und französische Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg
zurück. Auch im Osten Hannovers stiegen damals die Katholikenzahlen, so
dass in der Gaststätte "Buchholzer Warte" die Hl. Messe gefeiert wurde.
Die Gottesdienststationen betreuten Kapläne der St.-Joseph-Pfarrei. In
Buchholz unterstützten ihre Gemeindearbeit die Kapläne von St.
Elisabeth. Von 1930 bis 1955 bestand in St. Joseph eine
Schwesternstation der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul,
die die Armen- und Krankenpflege übernahmen und die Seelsorgearbeit
förderten. Aufgrund des Schwesternmangels hob man 1955 die
Niederlassung am Lister Kirchweg auf.
Nachdem
die kath. Vereine und Verbände sich während der Zeit der Weimarer
Republik gut entwickelt hatten, wurden sie nach der
nationalsozialistischen Machtergreifung bis 1939 staatlicherseits
aufgehoben und verboten. Nur auf Pfarrebene konnten sie in der
St.-Joseph-Gemeinde ihre Arbeit fortsetzen. Mit der Produktion von
Rüstungsgütern war zwischenzeitlich der Umsatz der Continental-Werke
von 1932 bis 1939 auf das vierfache gestiegen. An der Philipsbornstraße
entstanden damals sechsgeschossige Produktionsgebäude. Im Zweiten
Weltkrieg (1939–1945) wurden hier ausländische Zwangsarbeiter und
Kriegsgefangene für die Arbeit der zum Kriegsdienst eingezogenen
Belegschaftsmitglieder herangezogen. 1945 waren in den
Continental-Werken über 4500 Zwangsarbeiter und 900 Kriegsgefangene
eingesetzt. Die Continental-Werke produzierten den gesamten
Reifenbedarf der deutschen Wehrmacht. Die Rüstungsindustrie im
Stadtteil Vahrenwald war bald Ziel alliierter Luftangriffe. Auch die
St.-Joseph-Kirche und das Pfarrhaus wurden durch Luftangriffe von
1943–1945 erheblich beschädigt. Viele ausgebombte Gemeindemitglieder
mussten evakuiert werden. Mit dem letzten Luftangriff am 25. März 1945
war das Continental-Werk und mit ihm die Bebauung zwischen Werk und
Welfenplatz weitgehend zerstört worden. Im Seitenschiff der
St.-Joseph-Kirche richtete man eine Notkapelle ein.
Die Kirche
wurde später wieder aufgebaut. Denn die Gemeindemitglieder von St.
Joseph waren bereits 1945 nach Vahrenwald zurückgekehrt. Nach der
Währungsreform 1948 wurden 3/4 der Wohngebäude des Stadtteiles auf-
bzw. neuerbaut. Die Notkapelle erwies sich daraufhin als zu beengt, so
daß man Gottesdienst in der offenen Ruine hielt. Erst 1950 war das
Gotteshaus wieder vollständig benutzbar. Während sich in den
Außenbezirken von St. Joseph auch Heimatvertriebene und Flüchtlinge
niedergelassen hatten, waren es im Kernbereich der Pfarrei in
Vahrenwald vor allem einheimische Katholiken, die beim Wiederaufbau
halfen. Mit der Unterstützung der Briten war die Produktion im stark
zerstörten Werk der Continental AG 1945 wieder aufgenommen worden;
Arbeitsplätze standen zur Verfügung. Die Conti entwickelte sich wieder
zum international bedeutsamen Warenhersteller. Nachdem 1945 die
Hauptverwaltung nach Limmer und 1953 in das neugeschaffene
Conti-Hochhaus am Königsworther Platz gezogen war, verlor das Werk
Vahrenwald jedoch seine zentrale Bedeutung.
Wie
bereits um die Jahrhundertwende begann sich erneut nach Kriegsende in
St. Joseph ein aktives Gemeindeleben zu entwickeln. In der
St.-Joseph-Gemeinde waren damals kath. Arbeiter sozial prägend, die
sich 1963 in der Kath. Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) zusammenschlossen.
Durch die Neubaugebiete im Stadtteil Vahrenheide erreichte die
St.-Joseph-Gemeinde Ende der 50er Jahre mit ca. 10 000 Mitgliedern
ihre größte Ausdehnung. Eine ordnungsgemäße Seelsorge war nicht mehr
möglich. Deshalb wurde 1961 die St.-Franziskus-Gemeinde in Vahrenheide
gegründet, die ein eigenes Gotteshaus erhielt und später zur Pfarrei
erhoben wurde.
Die Vahrenwalder Straße, eine mehrspurige,
vielbefahrene Ausfallstraße, die zur Autobahn und zum Flughafen
Langenhagen führt, teilt und prägt heute diesen Stadtteil von Hannover.
Zu seinen Vorteilen zählt die direkte Verkehrsanbindung an die City.
Die St.-Joseph-Gemeinde war bis zu den Gemeindezusammenlegungen ab 2004 die größte katholische Kirchengemeinde
innerhalb der Stadt Hannover. Besonders Industriearbeiter und Studenten wohnen in
Vahrenwald. Ihre Gemeindezugehörigkeit ist von der
Arbeitsmarktsituation (Continental-Werke) und von der Dauer des
Studiums abhängig. Deshalb ist die Fluktuation im Pfarrsprengel von St.
Joseph überdurchschnittlich hoch.
In der List wohnen heute viele Familien in den noch immer zahlreichen großen Altbauwohnungen. Etwa zwei Drittel der Gemeindemitglieder kommen aus der List, ein Drittel aus Vahrenwald, so dass sich die Gemeinde zurzeit besonders auf eine Familienpastoral einstellt.